Lehrer mit Migrationshintergrund

In Deutschland haben inzwischen ca. 2,5 Millionen Kinder Migrationshintergrund, was über 30% aller Schüler ausmacht. Der aktuelle Anteil der Lehrer hingegen, die ausländische Wurzeln haben, liegt bei 1-6%. Das kann man wohl als unausgewogen bezeichnen. Und vor allem ist es sehr schade. Woran das liegt? Keine Ahnung. Aber Sanem Kleff, geboren in Ankara, aufgewachsen in Hamburg und ehemalige Lehrerin in Berlin, jetzt Leiterin von „Schule ohne Rassismus“, hat da drei Gründe parat:

Erstens: Reale Vorbilder fehlen. Die migrantischen Eltern jetziger Schüler und Abiturienten, die auf ihre Kinder bei der Berufswahl viel Einfluss nehmen, haben selbst keine Lehrer mit Zuwanderergeschichte erlebt. Oder eher schlechte Pädagogen wie Konsularlehrer, die der türkische Staat für muttersprachlichen Zusatzunterricht entsendet. Der Ruf des Berufs „Lehrer“ deshalb, zum Beispiel unter Türken: schlecht.

Zweitens: In vielen Familien gibt es selbst in der dritten Generation noch immer den Gedanken, nur Gast zu sein, „das hat fast jeder im Kopf.“ Auch ohne NSU-Morde oder Mölln. Lehramt und Jura werden da als „Sackgasse“ empfunden, Ingenieur und Arzt nicht, denn das geht überall.

Drittens: Lehramt ist auf Sprache fixiert. „Jemand ohne Muttersprache Deutsch hat ein Manko, sein Leben lang, vor allem in der Schriftsprache.“*

Ob eine Quote hilft? Mentorenprogramme? Stipendien? Dazu kann ich nicht viel sagen. Aber ich kann sagen, wie es ist, Lehrer mit Migrationshintergrund zu sein. Ich bin selbst Mischlingskind (Mama: Südkorea, Papa: Deutschland) und war nun insgesamt auf fünf unterschiedlichen Schulen, an vieren war ich tatsächlich der einzige Lehrer mit ausländischen Wurzeln. Das seltsame für mich daran ist, dass ich in meiner Jugend hauptsächlich Kumpels hatte, die nicht rein „Deutsch“ waren: Afrikaner, Asiaten, Italiener, Türken, Franzosen, Amerikaner, Jugoslawen usw. Kaum kam ich in den Mikrokosmos Schule, war all die Vielfalt an kulturellen Einflüssen nicht mehr da und somit auch keine Abbildung der multikulturellen Gesellschaft, in der wir leben. In einer Stadt wie Stuttgart, mit einem enorm hohen Anteil an Ausländern, sind die Klassen dementsprechend bunt gemischt, besonders schön bei Schulfesten und außerschulischen Events, bei denen die Eltern auch anwesend waren. Da waren alle Hautfarben vertreten, Mamas mit Kopftüchern verkauften Kuchen und man hörte viele verschiedene Akzente, Dialekte und Sprachen. Wunderschön. Doch wieder bezog sich das leider nur auf die Schüler- und Elternschaft und nicht auf das Lehrerkollegium.

Selbstverständlich sind ausländische Lehrer nicht besser als deutsche Lehrer. Warum auch. Aber sie sind sicher auch nicht schlechter. Vor allem haben sie den Vorteil, dass sie sich vielleicht besser in den ein oder anderen Schüler hineinversetzen können, in Elterngesprächen die feinen Nuancen zwischen den Zeilen erkennen und ihnen die kulturellen Unterschiede vielleicht besser bekannt sind, als ihren rein deutschen Kollegen.

An meiner jetzigen Schule ist es übrigens genau umgekehrt. Da ich nun auf dem Lande gelandet bin, ist die Schülerschaft weniger heterogen, was die Herkunft angeht, dafür ist das Kollegium deutlich durchmischter. Ich habe zwei türkische Kolleginnen, eine griechische, eine polnische und eine spanische. Wir sind wirklich verhältnismäßig Multi-Kulti. Das finde ich super!

Leider kam es aber auch tatsächlich vor, dass eine meiner türkischen Kolleginnen von einem Schüler rassistisch beleidigt wurde. Im darauffolgenden Elterngespräch wurde auch ziemlich schnell klar warum: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie es im 21. Jahrhundert noch so einfältige Menschen geben kann, ist mir schleierhaft. Aber es gibt sie noch immer. Unbelehrbare, dumme Eltern, die ihren Kindern dieselben dummen und unreflektierten Stammtischparolen mitgeben. Die armen Kinder können ja in den allermeisten Fällen nichts dafür. Das Umfeld prägt nun mal entscheidend. Besonders in jungen Jahren. Doch für die Eltern gibt es keine Ausreden.

Dieser Zwischenfall ist Gott sei Dank eine absolute Ausnahme an unserer Schule und so offen vorgetragener Rassismus ist hoffentlich auch an anderen Schulen nicht an der Tagesordnung. Mir ist so etwas jedenfalls noch nie begegnet.

Ich habe das Glück an einer sehr weltoffenen Schule arbeiten zu dürfen mit tollen Kindern, Kollegen und einer wahnsinnig guten Schulleitung. Danke! Ich hoffe, dass sich zukünftig noch mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund dazu entscheiden, Lehrer zu werden und somit vielleicht nachkommenden Generationen von Schülern so Vorbild sein können, ebenfalls diesen Weg einzuschlagen.

*Quelle: Süddeutsche Zeitung Online

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