Blogparade: Lehrer von morgen heute denken

Die Kollegen Tom Mittelbach, Dejan Mihajlović und Karl Berstein führten auf Twitter eine Diskussion zum Thema „Lehrer von morgen heute denken“ und entschlossen sich, eine Blogparade dazu ins Leben zu rufen. Nach dem Lesen einiger interessanter Beiträge, möchte auch ich meine Sicht der Dinge darlegen.

Es geht um drei grundsätzliche Fragen:

1.) Was sollte ein guter Lehrer morgen leisten können?

2.) Wie müsste man dafür die Lehrerausbildung ändern?

3.) Wie müsste man dafür die Schule/Arbeitsbedingungen ändern?

Um die erste Frage zu beantworten, muss man sich zunächst klar werden, wie die Schule von morgen aussehen könnte und daraus ableiten, was dann ein Lehrer leisten müsste. Wenn man sich die Entwicklung der Schullandschaft anschaut, ist es nicht einfach vorherzusagen, wie die Schule „morgen“ aussehen könnte. Klar ist jedoch, dass die Klassen heterogener werden. Es wird mehr Kinder mit Migrationshintergrund geben und es ist wohl sehr wahrscheinlich, dass in der Schule mehr mit digitalen Medien jeglicher Art gearbeitet werden wird: Internet, soziale Netzwerke, der Umgang mit Computern im weitesten Sinne (Tablets, Smartphones, Smartboards…). Ebenso gilt es zu bedenken, dass im Klassenzimmer mehr individualisiert und personalisiert gelernt werden muss, allein aufgrund der hohen Heterogenität.

Daraus ergibt sich, dass ein Lehrer sicher und kompetent im Umgang mit digitalen Medien sein muss. Die Zeiten, als Schüler für den Lehrer den CD Player einstellen mussten, müssen vorbei sein. Es kann nicht sein, dass ein 13-Jähriger seinem Lehrer zeigen muss, wo der Play-Knopf ist oder wie man einen Laptop mit einem Beamer verbindet. Der Lehrer muss Vorbild sein und den Schülern aufzeigen, wie es geht. Nicht umgekehrt. Dasselbe gilt beispielsweise auch für Power Point Präsentationen. Wenn ich sehe, wie manche Kollegen selbst anscheinend keine Ahnung haben, wie eine gut gemachte Folie aussehen muss, der kann auch nicht erwarten, dass es die Schüler besser machen. Kompetenz im digitalen Bereich ist sicherlich ein ganz wichtiger Punkt beim Thema „Lehrer von morgen“.

Genauso wichtig ist allerdings aus meiner Sicht, dass die digitalen Medien nicht überbewertet werden. Ein guter Lehrer/Unterricht besteht nicht nur darin, schöne Smartboard-Tafelbilder zu zeigen oder in der Lage zu sein, sich sicher im WWW zu bewegen. Viel wichtiger ist immer noch die Beziehungsebene. Das Alpha und Omega. Und genau da sehe ich teilweise große Probleme. Es gibt viele Kollegen, die wollen, dass die Schüler „funktionieren“. Endlich mal das machen, was man ihnen sagt. So.

Beziehung, Empathie, Wertschätzung und Zuneigung, den Schüler als Mensch und nicht nur als Schüler zu sehen, ist schwer erlernbar. Vielleicht sogar gar nicht. Und das ist das Hauptproblem. Ein sehr erfahrener Kollege, der mir während meines Refs sehr viel beigebracht hatte, sagte mal zu mir: „Es kommt nicht darauf an, ob die Schüler mich mögen. Es ist wichtiger, dass ich die Schüler mag. Der Rest kommt dann von selbst.“

Ob gestern, heute oder morgen, die gute Beziehung und positive Begegnung mit den Schülern, das ist die wichtigste Kompetenz, die ein Lehrer haben sollte. Danach kommt alles andere (fachliche Kompetenz, Umgang mit neuen Medien, Rhetorik, Klassenmanagement,…).

Mir persönlich ist beispielsweise das Wort „Lernbegleiter“ zutiefst zuwider. Auf die Spitze getrieben musste ich neulich einen Artikel lesen, in dem stand, dass Lehren dem Lernen im Weg stehe und Lehrer in ihrer bisherigen Form die Schüler ausbremsen würden. Ich bin fast vom Stuhle gefallen. In welche tiefen Abgründe mancher Pädagoge und/oder Didaktiker herabgleitet ist schon erschreckend. Nach u.a. John Hatties Studie noch so einen Bullshit von sich zu geben, grenzt an Beleidigung von Intelligenz und gesundem Menschenverstand. Der Lehrer als Vorbild, als Motivator, als jemand der Halt gibt, als Respektperson; ein Grundsatz von Bildung seit Jahrtausenden, wird von den „ganz modernen“ Pädagogen plötzlich abgeschafft. Unfassbar. Zumal diese „ganz modernen“ pädadogischen und didaktischen Modelle eh nach spätestens zehn Jahren wieder abgeschafft und durch noch modernere ersetzt werden.

Ich denke auch, dass die höhere Heterogenität sich auf die Teamarbeit innerhalb des Kollegiums auswirken wird. Der Lehrer als Einzelkämpfer ist nicht mehr effektiv und nicht zukunftsfähig. Teamarbeit, Teilen von Unterrichtsmaterial und -ideen, eine konstruktive Feedback-Kultur mit gegenseitigen Hospitationen innerhalb der Lehrerschaft und eine hohe Kooperationsbereitschaft wird entscheidend sein, für eine erfolgreiche Schule.

Was bedeutet das dann für die Lehrerausbildung?

Zunächst finde ich, dass die Ausbildung (zumindest beim Lehramt am Gymnasium) viel zu weit weg ist von der Praxis. Da hat sich in den letzten Jahren zwar einiges getan, aber die Reformen sind immer noch nicht zufriedenstellend. Mein Vorschlag wäre, dass die angehenden Lehrer vier Tage an der Uni sind (natürlich weiterhin auf wissenschaftlichem Niveau denken und lernen), aber gleichzeitig ein Tag in der Woche an Schulen sind. Zu Beginn vielleicht im AG/Nachmittagsbereich, spätestens ab dem Hauptstudium dann auch Unterrichtserfahrung sammeln. Mehrfache Blockseminare von vier bis sechs Wochen an unterschiedlichen Schulen, um wirklich in den Schulalltag einzutauchen, inklusive. Universität und Schule müssen enger verzahnt werden. Auch sollten mehr psychologische, pädagogische und didaktische Kurse belegt werden müssen, da dies deutlich zu kurz kommt.

Einen engeren Praxisbezug von Beginn an hätte mehrere entscheidende Vorteile. Jeder Student weiß, was auf ihn zukommen wird und kann zur Not früh genug einen anderen Beruf wählen, falls er merkt, dass das nichts für ihn ist (und nicht erst im Referendariat, wenn es quasi „zu spät“ ist). Nach sechs Jahren Studium, kommen die Studenten nicht ohne jegliche Berufserfahrung an die Schule, sondern können auf einige Hospitations- und Unterrichtszeit verweisen. Die Schulen würden entlastet werden, wenn sie studentische „Hilfslehrer“ hätten und dadurch würde im Idealfall vielleicht sogar weniger Unterricht ausfallen als bisher. Die Schüler würden profitieren, weil sie deutlich mehr „junge“ und unverbrauchte Lehrer hätten, was sicherlich hier und da für etwas Auflockerung sorgen könnte. Eine win-win-win-Situation, sozusagen.

Es wird immer viel debattiert darüber, wer sich überhaupt dazu entscheidet, Lehrer zu werden. Diese Diskussion wird ständig geführt und es wäre ganz zauberhaft, wenn die Träume der Bildungspolitiker und -denker erfüllt werden würden und nur noch die „oberen 10%“ zum Studium zugelassen werden würden. Doch das ist Unsinn. Das ist nicht lösungsorientiert. Das ist Utopie. Es wird nicht so kommen, weil der Beruf nicht attraktiv genug ist. Darum kann man sich diese Diskussion eigentlich direkt sparen. Man muss das Personal, das sich zu dem Beruf entscheidet, bestmöglich und praxisnah ausbilden. Ich denke, wenn von Beginn des Studiums an eine engere Verzahnung von Uni und Schule möglich wäre, würden viele derjenigen, die nicht für das Lehrersein gemacht sind, sich frühzeitig umorientieren und dadurch würde schon einiges besser werden.

Die Schule selbst muss sich natürlich auch ändern. Sie muss mehr Raum und Zeit für individualisiertes, selbstständiges Lernen schaffen. Sie muss flexibler werden und offen für Neues. Mehr digitale Lernangebote, mehr Lehrkräfte, mehr Geld, kleinere Klassen. Mehr Ganztagesschulen, mehr Macht an die Schulleitungen und weniger an die Ämter verteilen, Lehrer nachhaltig fort- und weiterbilden. Höhere Heterogenität bedeutet immer auch mehr Arbeit. Lehrer müssen Deputatsstunden für Kooperation untereinander erhalten, Teams, die gemeinsam Unterricht machen und zusammen Schule denken. Es kann und darf nicht sein, dass irgendwelche Bürokraten und Menschen ohne jeglichen Praxisbezug entscheiden, wie was gemacht werden soll. Man stelle sich vor, es würde so im Management, in der Medizin oder im Ingenieurbereich laufen. Nicht auszudenken. Es würde keine Firma, keine Krankenhäuser und keine Innovation geben. Diesen Umstand gibt es nur im Bildungsbereich, weil da jeder denkt, er könne mitreden. Niemand würde es wagen einem Herzchirurgen zu sagen, wo er den besten Skalpellschnitt machen soll oder einem Ingenieur, wo er welche Komponente auf welche Art anbringen sollte. Absurd. Wenn es aber um Bildung geht, kommen alle und geben schlaue Kommentare ab: Politiker, Talkmaster und -gäste, Eltern, Hinz und Kunz. Schlimm ist das. Jeder denkt, er „könnte Bildung“.

Die Schule sollte im Idealfall ein Ort des Wohlfühlens sein. Und damit meine ich nicht, dass jeder macht was er will oder die Schüler sich mit Füßen auf dem Tisch zurücklehnen und chillen. Nein. Ganz anders. Kinder kommen mit einer hohen Begeisterung zur Schule, wollen lernen und ihren Horizont erweitern. Leider schafft es das System Schule innerhalb kurzer Zeit, den Kindern jegliche Lust am Lernen zu nehmen und unzufriedene, gelangweilte und unmotiverte Schüler zu erschaffen. Das ist traurig. Mit „Wohlfühlen“ meine ich, dass Lehrer, Schulleitung und Schulraum den Schüler motivieren sollten, gerne zur Schule zu gehen, gerne zu lernen und lernen zu lernen. Die Kinder und Jugendliche müssen sich ernstgenommen fühlen, motiviert und geleitet (gelehrt, nicht begleitet!) werden. Wir müssen es schaffen, die Schüler dazu zu bringen, selbst zu denken und nicht nur stupide auswendig zu lernen. Schule muss näher am Leben sein und weiter weg von Schulbüchern. Eine umfassendere Bildung und interessante Inhalte. Keine Ja-Sager zu produzieren, sondern mündige Bürger, die sich ihrer selbst und der Gesellschaft kritisch gegenüber stehen. Das muss Schule leisten. Ob heute oder morgen.


Weitere Artikel zum Thema der Blogparade „Lehrer von morgen heute denken“:

– von Tom Middelbach

– von Dejan Mihailovic

– von Karl Bernstein


Warum ich Lehrer wurde?

Lehrer  aber warum eigentlich? (Teil I)

Lehrer  aber warum eigentlich? (Teil II)

Lehrer  aber warum eigentlich? (Teil III)

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3 Gedanken zu “Blogparade: Lehrer von morgen heute denken

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