Gemeinschaftsschule – Probleme und Lösungen

Vor einigen Tagen habe ich an einem Vernetzungstreffen der Gemeinschaftsschulen teilgenommen, organisiert vom Schulamt, um einen besseren Austausch und eine engere Vernetzung in der Zusammenarbeit der Gemeinschaftsschulen zu gewährleisten. Eine sehr gute und wichtige Idee, wie ich finde. Schulen aus den verschiedenen Tranchen nahmen daran teil, sodass einige Schulen sich erst zu Beginn der Entwicklung befinden, in Klasse 5 oder 6 und andere wiederum seit Beginn dabei waren und somit bereits in Klasse 8 angekommen sind.

Nach einem gemeinsamen Input zu Lernarrangements, trafen sich die anwesenden Schulleiter zum Austausch, wie auch die Lehrer in fachspezifischen Gruppen. Da ich Deutsch und Englisch unterrichte, wurde ich zu der Deutschgruppe zugeteilt. Da saßen wir nun in großer Runde und sprachen wichtige Themen an und diskutierten über Inhalte, Konzepte, Heterogenität, Leistungsnachweise, kooperatives Lernen und vieles mehr. Wieder einmal wurde offensichtlich, dass Gemeinschaftsschule nicht gleich Gemeinschaftsschule ist. Unter dem Namen GMS wird so unterschiedlich gearbeitet, wie es in anderen Schulformen nicht der Fall ist.

Da die verschiedenen Schulen so unterschiedlich arbeiten, ist es unmöglich von der Gemeinschaftsschule zu sprechen, denn keine gleicht der anderen. Das beginnt schon bei der Rhythmisierung, dem Zeitverhältnis von Lehrer-Input und selbstständigem, individualisiertem Lernen, der Ausstattung, des Verhältnisses der Anzahl von Gymnasial-, Realschul- und Hauptschullehrern, der Zusammensetzung der Schülerschaft usw. Ganz abgesehen von den didaktisch und pädagogisch gesetzten Schwerpunkten und der Arbeitsweise des Kollegiums im Team. Alles in allem kann man guten Gewissens sagen, dass die Varietät anscheinend grenzenlos ist. (Nicht, dass alle Gymnasien oder Realschulen exakt gleich arbeiten würden, aber da diese Schulformen schon lange existieren und etabliert sind, haben sie sich selbstverständlich von ihrer grundlegenden Arbeitsweise in gewissem Maße angeglichen.)

Im Austausch mit meinen Kollegen ist mir aufgefallen, dass teilweise an den Schulen eine gewisse Unsicherheit herrscht, wie man das Konzept Gemeinschaftsschule eigentlich umsetzen muss oder soll. Das große Gebiet Differenzierung, Inklusion und Rhythmisierung des Schulalltags sowie der Umgang mit der offensichtlichen Mehrarbeit durch ein hohes Maß an Heterogenität und zu erstellenden Materialien, stellt viele, wenn nicht alle Gemeinschaftsschulen, vor große Probleme Aufgaben, die es zu lösen gilt. Selbstverständlich muss jede Schule selbst entscheiden, wie sie mit diesen Ideen und Konzepten arbeiten möchte und es ist auch positiv, dass es viele unterschiedliche Umsetzungen gibt, jedoch sollte ein einheitliches, grundsätzliches Konzept tiefer verankert werden. Die Schulen und Lehrer brauchen Rüstzeug, um diese neue und spannende Schulform besser umsetzen zu können. Teilweise arbeiten einige Schulen einen riesigen Berg an Kompetenzen ab, verrennen sich in Verwaltung und Organisation und verlieren dabei den Blick auf das Wesentliche – den Schüler.

Es muss gewährleistet sein, dass die Gemeinschaftsschule attraktiv genug ist, auch lernstarke Schüler anzuziehen und anzusprechen. Wenn dies nicht gelingt, scheitert auch das System Gemeinschaftsschule. Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob alle Schulen dem sogenannten „Erweiterten Niveau“ gerecht werden. Einige Kollegen gaben in der Runde offen zu, dass dies nicht der Fall sei und man sich darüber bewusst sei. Teilweise klammern sich Schulen an Lernplattformen und erstellte Aufgabenarrangements, wohlwissend, dass es nicht allen Schülern gerecht wird. Auch gibt es Schulen, die eine quantitative Differenzierung, anstatt eine qualitative, verfolgen. Beispielsweise gab es zwei Schulen, an denen Kinder, die auf dem Erweiterten Niveau arbeiten, alle Leistungsnachweise zunächst auf dem Grundlegenden Niveau, anschließend auf dem Mittleren Niveau und schließlich auf dem Erweiterten Niveau ablegen müssen. Auf meine Frage hin, warum das denn so sei und warum ein Kind, das in der Lage ist auf dem Erweiterten Niveau zu arbeiten, eine Aufgabe auf quasi Hauptschulniveau bearbeiten muss, kam die Antwort, dass dies die Schule so festgelegt habe und man selbst auch nicht besondern glücklich damit sei. Hui. Wenn das Konzept und das System über dem Wohl der Schüler und gegen den Willen der Lehrer und dem gesunden Menschenverstand steht, läuft irgendetwas gehörig falsch.

Ein weiteres Thema war die Rechtschreibung. Von meiner Zeit am Gymnasium weiß ich, dass es auch viele Gymnasiasten gibt, die mit der korrekten Rechtschreibung auf dem Kriegsfuß stehen. Eine Kollegin berichtete, dass an ihrer GMS Diktate abgeschafft wurden, da die Schüler zu schlecht abgeschnitten hätten… Moment. Soll die Schule die Schüler nicht verbessern? Fordern? Fördern? Helfen? Lehren? Unterrichten? Ein derartiger Umgang mit Problemen bereitet mir Kopfschmerzen. Wenn die Schüler keine binomischen Formeln verstehen, sollen wir sie dann zukünftig weglassen? Wenn die Umstände der französischen Revolution den ein oder anderen überfordern, sollen wir es dann nicht mehr unterrichten? Wenn jemand nicht in der Lage ist einen Bunsenbrenner zu bedienen, sollen wir es dann sein lassen, Experimente zu machen? So schafft sich Schule selber ab. Hängt es damit zusammen, dass Lehrer jetzt nur noch Lernbegleiter sind? Schüler sind Lernpartner? Haben Lehrer vergessen, dass es ihre Aufgabe ist, Schüler zu lehren? Und das seit der Antike?

Am Abend nach dem Treffen haben mich manche Aussagen und Konzepte sehr nachdenklich gemacht und die Sorge wächst, ob das System Gemeinschaftsschule so überhaupt funktionieren kann oder ob es nicht zum Scheitern verurteilt ist.

Die Gemeinschaftsschule ist neu. Sie muss sich entwickeln und man muss ihr die Zeit zugestehen. Sie muss angepasst werden an die Realität und an den einem Lehrer zumutbaren Umfang an Arbeit ausgerichtet sein. Der Schüler muss wichtiger sein als das Konzept. Form folgt Funktion. So und nicht anders.

Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass die Lehrer gewillt sind, den Weg zu gehen. Mehrarbeit auf sich zu nehmen. Zu gestalten. Sich weiterzuentwickeln. Und das macht mir Hoffnung. Man kann sich hinstellen und alles kaputtreden, kritisieren, polemisch sein. Klar. Aber wichtiger ist es, die Probleme zu erkennen, zu analysieren, zu beheben und neue Weiterentwicklungen vorzunehmen. Die Schüler wollen. Die Eltern wollen. Die Lehrer wollen. Die Schulleitungen wollen. Es liegt nicht am Willen, viel mehr fehlt es an einem großen Ganzen, an das sich die Schulen richten können. Es braucht mehr Fortbildungen. Gute Fortbildungen. Mehr Material, um die Arbeitszeit der Lehrer optimaler zu nutzen, als nur Arbeitsblätter auf verschiedenen Niveaus zu erstellen oder Listen abzuhaken. Es fehlt auch an Personal, um den hohen Anforderungen einer heterogenen Klasse gerecht zu werden. Es fehlt an einigen, wichtigen Dingen, aber es ist möglich. Ich bin da sehr positiv. Probleme sind da um gelöst zu werden und man wächst an seinen Aufgaben.

Es gibt viel zu tun – packen wir’s an!

 

 

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