Wenn Schüler Lehrer bewerten

Zeugnisse, Lernentwicklungsberichte, Lernstandsrückmeldungen, Lerncoachinggespräche, Evaluationsbögen.

Die Schule ist voll formativer und summativer Leistungsrückmeldungen und ständig sind wir damit beschäftigt, Leistungen zu bewerten, rückzumelden und Schüler in Kategorien zu unterteilen. Ob das nun mit Noten, Prozentangaben oder Verrechnungspunkten geschieht, spielt keine große Rolle.

Klar, Lehrer bewerten Schüler. Und wann bewerten Schüler die Lehrer? Über die letzten Jahre habe ich mir oft diese Frage gestellt. Weshalb lassen sich Lehrer so ungerne von ihren Schülern bewerten?

Seit einigen Jahren benutze ich Evaluationsbögen, um meinen Schülern die Möglichkeit zu geben, mir Rückmeldung zu geben. Als ich an meine neue Schule kam, fragte ich einige Kollegen, ob sie das auch machen würden oder Interesse hätten das einzuführen, ich könne ihnen auch gerne meinen Evaluationsbogen zur Verfügung stellen. Die Antwort war nein. Von allen gefragten Kollegen dieselbe Antwort. Nein. Warum?

Ich kann mir vorstellen, dass verschiedene Gründe dagegen sprechen, Evaluationen durchzuführen: Lehrer meinen, sie könnten mit den Rückmeldungen nicht viel anfangen, weil Schüler gar nicht in der Lage wären, Lehrer zu bewerten. Lehrer meinen, Schüler bewerten Lehrer eh nur nach Sympathie und können nicht unterscheiden zwischen dem Lehrer als sympathischen/unsympathischen Menschen und seinem Unterricht. Lehrer meinen, Schüler müssen sie laut Schulrecht nicht bewerten, dann kann man sich das auch sparen. Lehrer meinen, Schüler können nicht einschätzen, was guter Unterricht ist.

Doch stimmen diese Einschätzungen?

Ich sehe das anders. Wir als Menschen bewerten alles und jeden und das ständig. Im Restaurant können wir sagen, ob uns das Essen schmeckt oder nicht, auch wenn wir vielleicht nicht in der Lage sind, das Gericht selbst zu kochen. Wir bewerten Filme, obwohl wir selbst keinen Film produzieren könnten. Wir meckern über Fußballer, weil sie den Ball nicht ins Tor bekommen, doch könnten es selber nicht besser machen. Die Liste ließe sich beliebig weiter fortsetzen. Bewerten liegt in der Natur des Menschen. Um zu reflektierten, differenzierten Bewertungen zu kommen, brauchen wir Übung. Wir müssen es lernen. Und dasselbe gilt auch für Schüler. Wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, es zu erlernen, werden sie es nicht können. Sicher, der erste Durchgang an Evaluierungen könnte sich so darstellen, wie oben von den Lehrern befürchtet und hätte vielleicht relativ wenig Aussagekraft. Mit der Zeit wird es sich aber entwickeln und die Rückmeldungen werden besser und genauer sein. Und das ist auch meine Erfahrung. Zu Beginn geht es viel um Sympathie, doch je öfter sie sich kritisch mit dem Unterricht auseinandersetzen, desto besser wird auch das Feedback. Die Fähigkeit, die Meta-Ebene zu reflektieren und auf dieser zu bewerten, braucht Zeit. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, erhält man gute bis sehr gute Rückmeldungen über sich selbst und seinen Unterricht.

Ich weiß, dass das Thema Evaluation von Unterricht im Moment auf dem Vormarsch ist. Ich hatte schon des Öfteren die zweifelhafte Ehre, dass angehende Direktoren in 10er bis 15er Gruppen meinen Unterricht stürmen, um zu lernen, wie man nach einem Unterrichtsbesuch Rückmeldung geben kann. Im Anschluss an meine Unterrichtsstunde war ich dann das Versuchskaninchen, das vor diesem Tribunal Rede und Antwort stehen musste. Dabei ging es weniger darum, mich und meinen Unterricht zu beurteilen, sondern vielmehr darum, dass die zukünftigen Direktoren Techniken erlernen, wie man solche Gespräche führen kann. Im Anschluss an den letzten Besuch, unterhielt ich mich noch nett mit der „Ausbildnerin“ und irgendwie kamen wir auf das Thema Evaluationsbögen zu sprechen. Sie meinte, dass sie darüber heute Morgen noch mit den Teilnehmern im Kurs gesprochen hätte und wie wichtig dieses Thema in der Zukunft werden würde. Ich erzählte ihr dann, dass ich das schon seit einigen Jahren mache und bot ihr an, ihr meinen Evaluationsbogen mitzugeben, sodass sie ein Anschauungsbeispiel als Diskussionsgrundlage hätten. Dankend nahm sie mein Angebot an.

Ich finde es sehr gewinnbringend, zweimal im Jahr die Rückmeldung meiner Schüler zu sehen und auszuwerten. Jeweils dann, wenn die Schüler ihre Zeugnisse erhalten. Die Schüler lieben es ebenfalls. Es gab schon häufig den Moment, in dem ich erstaunt war, was für reflektierte und differenzierte Rückmeldungen von meiner Klasse kamen. Sicher, in der 5. oder 6. Klasse sollte man einen möglichst einfachen und kurzen Evaluationsbogen erstellen, wobei man ab Klasse 8 auch umfangreichere Bögen einsetzen kann. Mich persönliche bringt die Rückmeldung weiter, weil ich sie nutze, um meinen Unterricht zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Nach meiner Auswertung stelle ich der Klasse einige Ergebnisse vor, die wir dann als Diskussionsgrundlage nutzen, um gemeinsam über meinen Unterricht zu sprechen. Für jede Klasse setze ich unterschiedliche Bögen ein und ändere sie immer wieder hier und da ab. Als Klassenlehrer ist mein Rückmeldebogen schon recht umfangreich und lang, eventuell sogar zu lang für manche Kollegen. Ich finde allerdings, je differenzierter und genauer die Rückmeldung, desto mehr kann ich daraus ableiten und lernen. Den Schülern selbst ist er nicht zu lang und es ist ihnen auch nicht zu aufwendig, ihn auszufüllen. Im Gegenteil – sie sind mit viel Spaß, aber auch Ernsthaftigkeit dabei. Doch jeder Lehrer muss selbst überlegen, welche Art von Fragen und Themen auf dem Feedbackbogen Platz finden.

Als Beispiel kann man meinen Evaluationsbogen im Download-Bereich herunterladen. Wer ihn einsetzen möchte – bitte, gerne! Allerdings muss ich dazu sagen, dass sich der Bogen auf die Gemeinschaftsschule bezieht, denn es geht z.B. auch um die Lernjobs, d.h. die Aufgaben, die in selbstständigem Arbeiten verwendet werden, Standort- und Bilanzgespräche usw. Wer an einer „normalen“ Real- oder Hauptschule oder an einem Gymnasium unterrichtet, wird doch vieles davon abändern müssen. Trotzdem kann das Beispiel vielleicht helfen, den ein oder anderen Lehrer davon zu überzeugen, ähnliche Instrumente zur Bewertung anzuwenden.

Lässt du dich von deinen Schülern evaluieren? Was sind deine Erfahrungen mit Evaluationen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

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