Peace, Love and Beziehungsarbeit

Beziehungsarbeit lernt man nicht. Nicht in der Schule, nicht an der PH, nicht an der Uni. Auch in keinem Pädagogikseminar.

Beziehungen zu jungen Menschen kann man nicht erzwingen. Aber man kann sich bemühen. Und das meine ich nicht im Sinne der geflügelten Worte „stets bemüht“, sondern im wortwörtlichen Sinne. Es kostet Mühe. Und Zeit. Und – vor allem – den Wunsch, eine gute Beziehung zu den jungen Menschen, Kindern und Teenies tatsächlich haben zu wollen.

Eigentlich war allen normal denkenden Menschen schon lange klar, dass Beziehung das Lernen beeinflusst, wie auch den Grad der Motivation. Das geht uns Erwachsenen doch genau so. Warum sollte das bei Schülern anders sein? Spätestens seit der berühmten Hattie-Studie ist es nun aber auch endlich wissenschaftlich belegt und kein Lehrer kann sich mehr hinstellen und behaupten, es gehe um reine Wissensvermittlung. Wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass mir persönlich die Beziehungsebene essentiell wichtig ist. Weil es nicht nur die Grundlage allen Lernens ist, sondern weil Schule auch weit mehr leisten sollte, als Wissensvermittlung. Der Lehrer ist eben auch ein Beispiel (Vorbild klingt immer so hochgestochen) für die jungen Menschen, wie sich ein Erwachsener in unserer Gesellschaft gibt und verhält. Wir haben mehr Einfluss auf unsere Schüler, als uns oft bewusst ist.

Zwei Schülerinnen aus meiner 9. Klasse haben mir neulich dieses wunderschöne Bild gemalt und auf meinen Lehrerpult gelegt. Ausdrücke wie „BRUDIS“, „WIR HABEN SIE LIEB“ und „BEST FRIENDS FOREVER“ machen mich stolz. Selbstverständlich sind wir keine Freunde, sondern es besteht ein nicht zu verachtender Hierarchieunterschied zwischen uns. Doch darum geht es nicht. Sie können jederzeit zu mir kommen, wenn sie Probleme oder Sorgen haben und ich bin auch häufig für den ein oder anderen Spaß zu haben. Sehr häufig kommt es vor, dass mich meine Schüler anrufen, um mit mir über ihre Probleme zuhause zu sprechen oder „Beziehungstipps“ haben wollen. Wie sollen sie reagieren, wenn ihnen jemand Drogen anbietet? Wieso haben sie ständig Ärger mit ihren Eltern? Trotz all der persönlichen Gespräche weiß meine Klasse aber auch ganz genau, was geht und was nicht. Und sie wissen auch ganz genau, dass ich der Chef bin – wenn es drauf ankommt.

Doch in den allermeisten Fällen, muss ich den Chef gar nicht raushängen lassen. Das ist ja das Tolle an guter Beziehungsarbeit! Es reicht häufig ein strenger Blick und Unterrichtsstörungen sind im Keim erstickt, ohne dass ich den Autoritären raushängen lassen muss. Darin bin ich eh nicht besonders gut. Unaufmerksamkeiten und Störungen entstehen vor allem dann, wenn die Schüler unter- oder überfordert sind, der Unterricht nicht motivierend umgesetzt wird oder wenn die Klasse keinen Respekt vor dem Lehrer hat. Wenn also der Unterricht so gesteuert wird, dass die Schüler eine kalkulierte Herausforderung im Lernen haben, ohne Unter- oder Überforderung, sind der Großteil der Störungen bereits behoben. Wie das Niveau sein muss, lernt man doch recht schnell, wenn man seine Klasse kennt.

Zu Beginn meiner Lehrtätigkeit war ich viel zu nett. Zu locker. Zu wenig streng. Ich dachte, ach, ich bin ein junger Lehrer, die mögen mich! Und wenn ich nicht streng bin, mögen sie mich noch mehr! Der Unterricht klappt dann ganz von allein. Von wegen… Ja, sie mochten mich. Ja, sie fanden den wenig strengen Unterricht toll. Ja, sie fanden mich cool. Doch nein, der Unterricht hat nicht funktioniert. Die Leine war bereits so lang, dass es unmöglich war, sie wieder kurz zu halten. Wenn man den Zugriff einmal verloren hat, ist es eine Mammutaufgabe, diesen wieder zu erlangen. Mir wurde im Referendariat immer und immer wieder dasselbe gesagt: „Sei zu Beginn streng, dann kannst du Stück für Stück weniger streng werden.“ Ich dachte: „Nö. Ich weiß es besser.“ Doch wie sich zeigte, wusste ich es nicht. Daraus habe ich meine Schlüsse gezogen und meinen Unterrichtsstil angepasst.

Inzwischen kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass es in meinem Unterricht so gut wie keine Störungen mehr gibt. Selbst in den sogenannten „schwierigen“ Klassen habe ich quasi keine Disziplinarprobleme mehr. Es klappt. Endlich! Die richtige Mischung aus Strenge, Beziehung, Unterrichtstempo/-anspruch, Forderung von Leistung und natürlich Humor habe ich inzwischen gefunden. Es hat gedauert, aber so ist das nun mal mit Erfahrungen. Man muss sie selbst machen.

Die wichtigste Aussage Hatties zu einer „besonders erfolgreichen Lehrkraft“:

Hattie
Quelle: Dieter Höfer & Ulrich Steffens

Es liegt mir wirklich am Herzen, dass Lehrer die Beziehung zu ihren Schülern ernst nehmen und in den Mittelpunkt ihrer Lehrtätigkeit stellen. Denn sie ist Grundvoraussetzung für so viele daran angeknüpfte Dinge, die ohne gelungene Beziehungsarbeit nicht möglich sind. Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, dass die Schüler mich mögen, sondern dass ich die Schüler mag. Ich muss sie respektieren, ihnen zuhören, sie wertschätzen, sie als Menschen kennenlernen und nicht nicht nur als Schüler, ihre Bedürfnisse ernst nehmen, ihre Sorgen kennen, wissen, was ihnen wichtig ist. Wenn die Schüler das sehen, werden sie automatisch – früher oder später – auch mir mit demselben Respekt begegnen, wie ich ihnen. Ich kann aber nicht erwarten, dass wenn ich diese Dinge nicht berücksichtige, sie es bei mir tun.

Lasst und den Kids zuhören! Lasst uns versuchen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen, die über das reine Schüler-Lehrer-Verhältnis hinaus geht! Lasst uns den Schülern Vorbild sein, wie Beziehungsarbeit funktioniert! Lasst uns ihnen zeigen, dass Respekt und Empathie in unserer Gesellschaft wichtiger sind als Ellbogen und Egoismus!

Wir haben es in der Hand. Wir können die zukünftige Gesellschaft mitgestalten. Wir können dafür sorgen, dass diese Welt eine freundlichere wird, als sie im Moment zu sein scheint. Peace, Love and Beziehungsarbeit!

Zu Weihnachten bekam ich dieses tolle Geschenk von meiner Klasse. Was kann es Schöneres geben!

Oscar

Passend zum Thema:

Letter to the class

Lehrer – aber warum eigentlich? (Teil I)

Lehrer – aber warum eigentlich? (Teil II)

Lehrer – aber warum eigentlich? (Teil III)

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